Geschichtlicher Rückblick

Nachrichten vom Tode eines Menschen wurden verbreitet, seitdem es Menschen gibt. Die Tatsache, daß jemand nicht mehr unter den Lebenden weilt, brachte nicht nur Trauer und Betroffenheit in den Verwandten- und Freundeskreis des Verstorbenen, sie führte auch in der Regel zu einer Fülle verschiedenartigster Veränderungen auf nahezu allen Gebieten des menschlichen Lebens. In christlich geprägten Kulturen verband sich mit diesem Ereignis der Wunsch der Hinterbliebenen, für das Seelenheil des Verstorbenen zu beten. Das konnte z. B. an den jeweiligen Gräbern oder bei Gottesdiensten geschehen. Eine erweiterte Qualität erfuhr diese Sitte durch die Gebetsverbrüderungen, welche die Benediktiner seit dem 8. Jahrhundert praktizierten und verbreiteten. Die Klöster bildeten Verbände, um für ihre lebenden und verstorbenen Mitglieder (Todesjahrgedächtnis) zu beten, Messen zu lesen und zu fasten. Sie unterrichteten sich seit dem 9. Jahrhundert gegenseitig von den verstorbenen Mitbrüdern, Patronen, Stiftern, Wohltätern und anderen angesehenen Persönlichkeiten, damit ihrer im Gebet gedacht werden konnte. Der Brauch kirchlicher Todesmitteilungen hat also eine lange Geschichte, der mit großer Verzögerung und ganz allmählich auch bei der Bevölkerung Eingang fand; das betraf allerdings fast ausschließlich nur deren katholischen Bereich.

Ohne dieser anfänglich sehr lückenhaften Geschichte der Totenzettel bzw. ihrer Vorgänger im Detail nachzuspüren, seien zwei prominente Beispiele herausgegriffen. Von einer Art Vorgänger der Totenzettel wird aus dem Jahre 1493 berichtet, als bei der Leichenfeier des Kaisers Friedrich III. "gedruckte Blätter mit Beileidsbezeugungen und Lobeserhebungen" verteilt worden seien. Doch handelte es sich hier ganz offensichtlich um einen Einzelfall, der eine hochgestellte Persönlichkeit betraf. Das gilt in gleicher Weise für die früheste Nachricht aus Würzburg. Anläßlich der hier im Jahre 1498 abgehaltenen Exequien für den Prinzen Otto, Herzog von Bayern, wurden Leichenzettel gedruckt. Die Gesellen des Buchdruckers (Georg Reyser?) erhielten dafür 18 Pfennige.

Der Totenzettel, wie er sich heute in verschiedenen Sammlungen findet, ist ein Kind des 17. Jahrhunderts, wenn man einmal von Einzelfällen aus früherer Zeit absieht. Damals wurde der Brauch der Leichenzettel allmählich von der Allgemeinheit übernommen. Niederländische Quellen nennen das Jahr 1668 als frühest nachweisbares Datum für "Bidprentjes" (Totenzettel); sie wurden zunächst handschriftlich verfaßt; einige Jahrzehnte später erschienen sie dann mit gedrucktem Text. Die Totenzettel verbreiteten sich von hier aus auch in andere europäische Länder, vielleicht entwickelten sie sich dort sogar unabhängig davon. Die Zeitstellung zu eben diesen anderen Gebieten - wie gleich darzustellen sein wird - ist jedenfalls sehr eng. Immerhin erfreuten sich die Totenzettel in den Niederlanden einer außerordentlichen Beliebtheit wie die umfangreichen Sammlungen in Nijmwegen (Albertinum) und Amsterdam (Museum Amstelkring) mit je 300.000 Exemplaren sowie jene des Central Bureau voor Genealogie in Den Haag mit über 1 Mio. Exemplaren zeigen.

Die enge zeitliche Verbindung zu dem für die Niederlande tradierten Datum (1668) verdeutlicht ein Blick auf den Würzburger Bereich; der hier frühest erhaltene Totenzettel stammt aus dem Jahre 1672, ist also nur vier Jahre jünger. Er ist ebenso wie die beiden zeitlich nächstfolgenden zwei Klosterangehörigen bzw. einem Kanoniker gewidmet. Pater Franziskus Albert, der in Volkach geboren war und im Benediktinerkloster Münsterschwarzach lebte, verstarb am 3. November 1672. Nur ein Jahr später, am 31. Oktober 1673 endete das Leben seines in Speyer geborenen Mitbruders Gregor Hüber, der Ökonom und Prior war und auch das Amt des Pfarrers von Sommerach bekleidet hatte. Johannes Saur, Kanonikus, Kantor und Scholaster des Kollegiatstifts Haug, beschloß sein Erdendasein am 2. Februar 1678. Diese drei frühesten Totenzettel sind in lateinischer Sprache abgefaßt.

Im weltlichen Bereich sind die hier frühest erhaltenen Totenzettel jener des Dr. iur. Johann Christoph Wilhelm Gantzhorn, kurfürstlich mainzischer und würzburgischer Hof-, Kriegs- und Konsistorialrat, der am 12. November 1692 verstarb, und jener der Maria Catharina Simon, geborene Amon, die am 27. Februar 1697 ihr Erdenleben beschloß. Diese Totenzettel sind in Deutsch gedruckt.

Ganz offensichtlich erfreuten sich die Totenzettel in der anschließenden Zeit zunehmender Beliebtheit, sie wurden umfangreicher, schmuckvoller und üppiger. Dies augenscheinlich in solchem Umfang, daß sich die Obrigkeit genötigt sah einzugreifen. Fürstbischof Anselm Franz von Ingelheim erließ daher am 7. Juli 1747 eine Leich- und Trauerordnung, die eingehende Regelungen zu diesem Komplex enthielt. Neben vielem anderen findet man in diesem Mandat die Anordnung, daß die "weitläufig gedruckten Todtenzettel" untersagt werden. Zukünftig dürften dort nur noch Namen und Alter des Verstorbenen, sein Beruf sowie Monat, Tag und Stunde des Todes aufgeführt werden. In dem anschließenden Tarifverzeichnis wurde die Festlegung getroffen, daß der Buchdrucker für die Druckarbeit und die Papierbereitstellung für 100 Totenzettel 9 Schilling 2 Pfennige verrechnen dürfe. Für das Beschneiden von 100 Exemplaren standen dem Buchbinder 1 Schilling 2 Pfennige zu. Und um "einem solchen Zettel mit gewöhnlichen Zieraden von schwarzem Papier aufzupappen" hatte man 1 Schilling 5 Pfennige zu entrichten. Der Fürstbischof drohte bei Nichtbefolgung der zahlreichen Anordnungen Strafe an. Die Leichenansager und Vierteldiener waren gehalten, die Übertretungen bei der geistlichen oder weltlichen Regierung anzuzeigen. Sie sollten ein Drittel der angesetzten Strafgelder als Belohnung erhalten.

Die Einhaltung der Leich- und Trauerordnung wurde also überwacht. So wurde beispielsweise am 24. März 1767 der Totenzettel des am 18. März verstorbenen Rotgerbers Jacob Gutmann beim Gebrechenamt überprüft und festgestellt, daß man sich in keiner Weise an die Vorgaben des Mandats gehalten hatte, der Zensor aber den Totenzettel gleichwohl hatte passieren lassen. Als Ergebnis des Verfahrens übersandte man den Totenzettel an die geistliche Regierung mit dem Antrag, dafür zu sorgen, daß der Zensor künftig auf die Einhaltung des Trauermandats zu achten habe.

Die Nichteinhaltung des Mandats scheint ein Dauerproblem gewesen zu sein, denn die Landesherrschaft sah sich erneut veranlaßt, Regelungen bezüglich der Beerdigung und damit auch hinsichtlich der Totenzettel zu verfügen. Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal erließ unter dem 12. Mai 1778 sowie unter dem 6. August 1783 für seine Residenzstadt Würzburg ein Trauer- und Leichenordnung, welche die Anordnungen von 1747 großenteils wiederholte, teilweise auch erweiterte. So war nunmehr auch das Austeilen von "lateinischen Todtenzetteln" untersagt. Die für Übertretungen dieser Ordnung angedrohten Strafen lagen jetzt in einem Strafrahmen von 10 Reichstalern.

In der Sitzung des Gebrechenamts vom 4. November 1779 trug Hofrat von Hess vor, daß anläßlich der Beerdigung der Mohrenapothekerin Steinhäusser der Totenzettel ihm vom Buchdrucker nicht zur Zensur vorgelegt worden sei. Das wäre aber um so notwendiger gewesen, als in eben diesem Totenzettel "etliche widersinnige, und gar nicht hierin gehörige ausdrücke befindlich seyen". Man beschloß daher, den Buchdrucker mit einer Strafe von einem Reichstaler zu belegen. Mit der Säkularisation verloren diese Regelungen ihre Gültigkeit.

Das 19. Jahrhundert ebnete in einem Prozeß mannigfaltiger gestalterischer und inhaltlicher Veränderungen der Totenzettel bzw. Todesnachrichten schließlich den Weg zu den Todesanzeigen wie sie heute üblich sind, sei es, daß sie in Zeitungen veröffentlicht werden, sei es, daß sie in Briefform zugesandt werden.